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Klimaprofessor Schönwiese im exklusiven Vireo-Interview: „Die Politik ist leider sehr kurzfristig angelegt.“

Prof. Dr. em. Christian-Dietrich Schönwiese, Meteorologe und Klimaforscher

Prof. Dr. em. Christian-Dietrich Schönwiese. (c)schrift-architekt.de

Im Zuge der ASQ Nachhaltigkeit der Uni Halle (wir berichteten) halten zurzeit zweiwöchentlich immer dienstags renommierte Gelehrte und Fachleute zum Thema Nachhaltigkeit spannende Gastvorlesungen.
Am letzten Dienstag sprach Prof. Dr. Schönwiese der Uni Frankfurt zum Thema Weltproblem Klimawandel.

Mit dem international bekannten Klimaforscher und Meteorologen konnten wir ein exklusives Interview führen:

Vireo: „Herr Professor Schönwiese, Ihre Gastvorlesung an der Uni Halle trägt den Titel Weltproblem Klimawandel – Wissenschaftlicher Sachstand und Handlungsbedarf. Wo genau liegt für Sie der Handlungsbedarf?“

Schönwiese: „Der Handlungsbedarf liegt darin, dem Hauptproblem zu begegnen. Das ist der Ausstoß von klimawirksamen Spurengasen und da ist wiederum das Hauptproblem Kohlendioxid. Und wenn wir das nun immer mehr einengen, ist da das Hauptproblem die Nutzung der so genannten fossilen Energieträger, also Kohle, Öl, Gas. Das müssen wir zwar nicht vollkommen einstellen, aber wir sollten es massiv reduzieren zugunsten von alternativen Energieträgern.“

V: „Bis zu Ihrer Emeritierung 2006 waren Sie Professor am Institut für Atmosphäre und Umwelt an der Uni Frankfurt. Als Chef der Arbeitsgruppe Klimaforschung haben Sie die Klimageschichte der letzten Jahrhunderte untersucht. Welche Entwicklung hat unser Klima genommen und wie sieht die Zukunft aus?“

S: „Die Entwicklung war regional sehr unterschiedlich, so dass ich das zunächst einmal global mittelnd zusammenfasse: Da kann man sagen, dass seit 1850 – seit der Zeit gibt es genügend direkte Messdaten – es einen allgemeinen Erwärmungstrend gibt, der aber etwa zwischen 1945 und 1975 unterbrochen war. Diese vorübergehende Stagnierung oder leichte Abkühlung ist auch auf den Menschen zurückzuführen, nämlich auf den Ausstoß von Partikeln, die in dieser Zeit sehr stark dominiert haben, bis die Luftreinhaltungsmaßnahmen ergriffen worden sind. Aber wir haben nicht nur diesen Trend.
Wir haben auch überlagerte Fluktuationen, die sind nicht menschlichen Ursprungs. So kann man in den Daten einzelne Vulkanausbrüche wiederfinden und die so genannten El-Nino-Ereignisse: Das sind Monate, wo der tropische pazifische Ozean relativ warm wird. Das schlägt auf die globale  Mitteltemperatur durch und noch einiges andere. Leider ist es aber so, dass wir regional viele Besonderheiten haben. Das heißt, wenn man die Mitteltemperatur in Deutschland vergleicht mit der global gemittelten, stellt man viele Unterschiede fest.
In Deutschland spielen besondere Wetterlagen eine Rolle – im letzten März beispielsweise hatten wir dieses hartnäckige Hochdruckgebiet in Skandinavien, was dann einen kalten Ostwind produziert hat. Wenn man sich für den März weltweit die Temperaturanomalien ansieht, dann war es allerdings nur hier und ein bisschen noch in Nordamerika so kalt, aber der Rest der Erde war relativ warm. Solche regionalen Besonderheiten spielen somit auch eine Rolle.“

V: „Sie haben erwähnt, dass es Vorgänge gibt, die die Temperatur senken. Wie erklärt sich das?“

S: „Einmal der Mensch durch den Partikelausstoß. Etwa Staubpartikel, die man sieht. Klimawirksam aber sind vor allem so genannte Sulfatpartikel, die auf das unsichtbare Schwefeldioxid zurückgehen. Es gibt aber auch andere Partikel, letztlich somit sehr unterschiedliche. Die meisten kühlen, weil sie die ankommende Sonnenstrahlung verstärkt streuen – also weniger Sonnenstrahlung zur Erdoberfläche durchdringt.
Es gibt auch natürliche Prozesse, die Abkühlungen bewirken – Vulkanausbrüche vor allem. Nach starken Vulkanausbrüchen bilden sich in der Stratosphäre – das ist die Schicht in 10 bis 50 km Höhe – Sulfat-Partikelschichten, die man messen kann. Die haben auch die Wirkung, dass sie die Sonneneinstrahlung verstärkt streuen und somit weniger Sonnenstrahlung bei uns ankommt. Und weniger Sonneneinstrahlung heißt Abkühlung. Nach Vulkanausbrüchen kann man das regelmäßig feststellen.
Ganz berühmt geworden ist das Jahr 1816 – das Jahr ohne Sommer. Nach dem Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien 1815. Da ist ein gewisser Zeitverzug dabei, weil der Ausstoß der Gase bis hin zur Bildung der Partikelschichten eine gewisse Zeit braucht. Die Klimawirkung kommt meist  ein paar Monate nach dem entsprechenden Vulkanausbruch. Das wäre das Wichtigste zum Thema  Abkühlungen.“

Den kompletten Artikel gibt es beim Spiegel-Archiv <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1986-33.html" target=new>hier</a>.

Den kompletten Artikel gibt es beim Spiegel-Archiv hier. (c)spiegel.de

V: „Für das Sachbuch Der Treibhauseffekt erhielten Sie und Ihr Kollege Herr Diekmann 1989 den Sachbuchpreis der Stadt Hürth. Wie hat sich das öffentliche Bewusstsein seither verändert?“

S: „Meine Erfahrung ist, recht langfristig gesehen, dass die Politiker vor allem auf die Medien reagieren und weniger auf die Wissenschaftler. Ich erinnere mich an das berühmt gewordene Bild im Spiegel. Da stand der Kölner Dom im Ozean und darunter stand: Klimakatastrophe, Polschmelze, Forscher warnen. Ich meine, das war 1986 als der Spiegel mit diesem Artikel kam – ziemlich überraschend, weil das Thema bis dahin in den Medien kaum aufgetaucht ist.
Das damalige Forschungsministerium – das Bundesministerium für Forschung und Technologie – hat einige Klimatologen, auch mich, nach Bonn beordert und hat uns gefragt: Stimmt das, was in diesem Spiegel-Artikel steht? Und wir mussten sagen, dass da nur ein kleiner Teil stimmt, also vieles übertrieben ist und einiges auch nicht ganz richtig. Und dann war leider die politische Reaktion: Na ja, dann warten wir halt ab. Hinterher haben wir uns gesagt, dass man anscheinend sehr stark zuschlagen muss mit Argumenten, damit die Politiker reagieren. Aber wie gesagt, ich habe festgestellt, dass die Politiker mehr auf die Medienberichterstattumng reagieren als auf die Wissenschaftler. Ich würde mir aber wünschen, dass sie mehr auf wissenschaftliche Gremien hören.“

V: „Sie zitieren in Ihrem Vortrag den englischen Ökonomen Nicholas Stern, dass Klimaschäden umgerechnet 5 bis 20 Prozent des Weltsozialproduktes kosten, aber Klimaschutzmaßnahmen nur etwa 1 Prozent. Klimaschutz rechnet sich offensichtlich. Warum wird von Politik und Wirtschaft also nichts unternommen?“

S: „Die Politik ist leider sehr kurzfristig angelegt. Es werden ja immer wieder diese vier Jahre zitiert, also die Wahlperiode. Das Klimaproblem ist dagegen eine Angelegenheit von Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Wir brauchen Politiker, die diese Langfristperspektiven haben. Offenbar sind jedoch die typische kurzfristige politische Reaktion und die Langfristigkeit der Probleme  einander entgegengesetzt und das erschwert die Lösungswege.“

Klimaveränderungen in den letzten 10.000 Jahren. (c)schrift-architekt.de

Klimaveränderungen in den letzten 10.000 Jahren. (c)schrift-architekt.de

V: „Also könnte man sagen, dass Politiker klimatologisch nicht langfristig denken können?“

S: „ Das möchte ich nicht generell behaupten, aber die meisten Politiker – so mein Eindruck – denken doch eher kurzfristig. Es gibt zwar auch kurzfristige Probleme – wirtschaftliche Schwierigkeiten, Arbeitslosigkeit, Krisen und so weiter, die die Politiker natürlich sehr beschäftigen. Aber das sollte nicht dazu führen, dass das Umweltproblem auf die lange Bank geschoben wird.“

V: „Deutschland will und will auch wieder nicht die Energiewende. Das ganze Land diskutiert über globale Erwärmung, Klimawandel und Nachhaltigkeit. Führen diese Diskussionen aus Ihrer Sicht auch zu guten Entwicklungen in Deutschland?“

S: „Durchaus, aber die Entwicklungen sind nicht ganz einfach. Aus Klimasicht ist es am Wichtigsten, dass man von den fossilen Energieträgern weitgehend wegkommt, also insbesondere Kohlekraftwerke reduziert. In Deutschland passiert zurzeit genau das Gegenteil. Kohle ist aus Klimasicht das Schlimmste. Und auch Gas – es setzt zwar je nach Anwendungsbereich weniger Kohlendioxid frei als Kohle, und Öl sollten wir stark reduzieren. Die Entscheidung bei der Kernenergie, die ja in Deutschland gefallen ist, ist meines Erachtens richtig, denn der Betrieb, soweit ich gelernt habe, ist zwar hierzulande relativ sicher, aber das Entsorgungsproblem ist nicht gelöst. Daher ist Kernenergie auch keine Lösung.
Der Weg zu den alternativen Energieträgern ist somit richtig, aber diese Umstellung braucht Zeit; denn es müssen schwierige technische Probleme gelöst werden. Der Nachteil der alternativen Energieträger wie Sonne und Wind ist, dass diese Energie nicht kontinuierlich zur Verfügung steht, sondern fluktuativ. Also: Es gibt Windflauten, dann keine Windenergie. Es gibt heftige Stürme, dann müssen die Anlagen abgeschaltet werden. Was technisch gelöst werden müsste, ist die Speicherung der Energie – da gibt es durchaus Vorschläge und Möglichkeiten, aber das muss entwickelt werden. [Wir berichteten bereits über den Superkondensator der Uni Halle, Anm.d.Red.] Und das zweite große Problem ist, dass dieses fluktuierende Energieangebot die jetzigen Netze zu stark belastet. Das heißt, die Netze müssen darauf ausgelegt werden – eigentlich vollkommen umgestaltet werden. Und das kostet Zeit und Geld. Deswegen gibt es bereits von Leuten Gegenwind, die diese Kosten nicht tragen wollen. Aber aus meiner Sicht kommen wir an dieser Umstellung nicht vorbei.“

V: Sehen Sie hier die Hochschulen und Universitäten als Innovationsmotor besonders in der Pflicht?

S: „Durchaus. Die Universitäten sind in vielerlei Hinsicht in der Pflicht – das betrifft zum einen die Umweltforschung, also nicht nur Klimaforschung. Sie müssen wissenschaftlich fundiert auf die Probleme hinweisen, denn es hat keinen Sinn, voreilig und emotional an diese Dinge heranzugehen. Das muss wissenschaftlich, sachlich und objektiv geschehen. Und das andere ist die so genannte Abhilfeforschung – also, was soll man tun, gerade im Energiebereich. Und da hoffe ich als Klimatologe sehr auf Innovationen und Wege, die vielen Energieprobleme in den Griff zu bekommen.
Und ich darf nochmal erinnern an die Energiespeicherung. An der Universität Frankfurt, von der ich komme, gibt es einen Physiker [Horst Schmidt-Böcking, Anm.d.Red.], der sich Gedanken gemacht hat, wie man im Rahmen von Offshore-Windkraftwerken diese Energie speichern kann. Er hat eine Idee, wie man diese Energie dort speichert und bei Bedarf nach und nach wieder abgibt.“

Campus Riedberg an der Uni Frankfurt: Prof. Schönwieses Wirkstätte. (c)wikimedia.org

Campus Riedberg an der Uni Frankfurt: Prof. Schönwieses Wirkstätte. (c)wikimedia.org

V: „Durch Ihre Arbeit bei der Weltmeteorologischen Organisation und dem Intergovernmental Panel on Climate Change, dem IPCC, haben Sie viel mit internationalen Kollegen zu tun.
Wie ist die Klima-Situation in anderen Ländern? Welche großen Probleme gibt es dort?“

S: „Also, was die Klimatologie als Wissenschaft angeht, sind wir uns weltweit sehr einig. Was die Problematik angeht, wie die Öffentlichkeit damit umgeht, gibt es gewisse Unterschiede und was die technischen Möglichkeiten angeht, ist das weltweit auch sehr unterschiedlich. Und da sollten die Staaten, die auf einem hohen Entwicklungsstand sind, das nutzen und durch entsprechende Entwicklungshilfe den Ländern beistehen, die sich nicht in dieser komfortablen Situation befinden“

V: „Herr Professor Schönwiese, ich danke Ihnen für Ihre wertvollen Zeit und wünsche noch viel Erfolg bei Ihren Vorträgen.“

S: „Dankeschön“

Christian Allner

Christian Allner

Schrift-Architekt bei Schrift-Architekt.de
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Christian Allner

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